Die weiteste Anreise hatten (v. l.) Viktoria Stein und Christiane Völker (beide Grambin), Otto Woit (Hohenzieritz), Brigitte Seifert (Dargitz), Ramona Göll (Eggesin) und Anneliese Handl (Neustrelitz). Ohne Auto-Fahrgemeinschaft wäre eine Teilnahme an der Fachtagung in Schwerin unmöglich! (Foto: Claudia Richter)

Fachtagung zur Weiterbildung der seniorTrainerinnen und seniorTrainer

Überalterung, demografische Zeitbombe, Rentnerschwemme – in der öffentlichen Darstellung des Alters dominieren negative Stereotype. Dass diese Sichtweisen nicht nur realitätsfremd sind, sondern auch diskriminierend – darüber waren sich die rund 100 seniorTrainerinnen und seniorTrainer einig, die am 7. Mai 2026 aus ganz M-V zu ihrer Fachtagung nach Schwerin gekommen waren. Unter dem Thema „Auf uns kommt es an – Altersbilder neu denken, Diskriminierung stoppen“ beleuchteten Expertinnen und Experten die Schieflage in der öffentlichen Darstellung und Wahrnehmung der Älteren und zeigten Wege auf für eine Engagementpolitik, die das Alter als das begreift, was es ist: Eine Phase der Freiheit, der Verantwortung und der Mitbestimmung.

„Wir sprechen über den demografischen Wandel wie über eine heraufziehende Unwetterfront“, sagte Monika Schmidt, die neue Vorsitzende des Landesringes M-V des Deutschen Seniorenringes e. V., zum Auftakt. Ältere Menschen würden häufig als Objekte betrachtet, für die geplant und organisiert werde und die es zu schützen gelte. Das sei gut gemeint, aber oft der Anfang von Altersdiskriminierung. „Das Bild, das wir vom Alter haben“, betonte Schmidt, „entscheidet darüber, ob wir Seniorenpolitik als Mangelverwaltung begreifen oder als Gestaltung der aktivsten und erfahrensten Gesellschaft, die wir je hatten!“ Um das Alter als eine Phase der Freiheit, der Verantwortung und der Mitbestimmung zu begreifen, gelte es, echte Partizipation zu ermöglichen, Strukturen zu entstauben, für ein Miteinander der Generationen einzutreten. „Wenn wir das Alter diskriminierungsfrei gestalten, gewinnen wir Millionen von Stunden an Lebensfreude, Expertise und demokratischer Kraft“, ist sich Monika Schmidt sicher.

„Was verbinden Sie denn mit dem Alter?“ Diese Frage richtete Prof. Dr. Susanne Wurm von der Universitätsmedizin Greifswald gleich zu Beginn ihrer Ausführungen an die Tagungsgäste. Erwartungsgemäß dominierten bei den Antworten der ehrenamtlich aktiven Seniorinnen und Senioren positive Bilder: Freiheit, Lebensfreude, Miteinander, Neugier auf Neues, das gute Gefühl, gebraucht zu werden. Warum dennoch in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem negative Altersbilder vorherrschen, erklärte die Wissenschaftlerin in ihrem Vortrag zum Thema „Die Macht der inneren Bilder: Wie Stereotype unseren Alltag und die Gesundheit beeinflussen“. Vorrangig würde der Fokus auf die biomedizinischen Prozesse gerichtet: Nachlassen der körperlichen Kräfte und altersbedingte Krankheiten. Vernachlässigt würden weitere wichtige Aspekte für ein gutes Altern, wie Bildung und gesellschaftliche und persönliche Vorstellungen vom Älterwerden. „Erwarten wir Abbau und Krankheit von der Zukunft, sind wir weniger motiviert, gesund zu leben, und entwickeln in der Folge eher Krankheiten.“ Dies hätten zahlreiche Studien gezeigt. Die Psychologin und Präventionsforscherin plädiert dafür, eigene Vorstellungen vom Altern zu hinterfragen, Stereotype im Alltag zu erkennen, Ageismus entschieden entgegenzutreten und mit allen Altersgruppen auf Augenhöhe zu interagieren. Ihr Fazit: „Mit realistischen, positiven Altersbildern können wir das Altern zwar nicht überwinden, aber die Gesundheit fördern und damit das Leben nachweislich verlängern und die Lebensqualität verbessern.“

Als Medienvertreter würdigte Thomas Böhm, Geschäftsführer und Chefredakteur von Schwerin TV/Wismar TV/MV1 TV das ehrenamtliche Engagement der seniorTrainerinnen und -Trainer. „Die Älteren sind nicht nur Zielgruppe, sondern auch Akteure im gesellschaftlichen Leben“, betonte er und bot an, kontinuierlich und ausführlich über deren vielfältige Aktivitäten im ganzen Land zu berichten.

Beate Berger, Leiterin des Referats Familien- und Seniorenpolitik im Sozialministerium M-V, wies darauf hin, dass mit dem Eintritt der sogn. Babyboomer ins Rentenalter ein Wandel im ehrenamtlichen Engagement zu beobachten sei hin zu eher punktuellem, zeitlich begrenztem Engagement zugunsten größeren persönlichen Freiraums. Auch darauf müsse die Engagementpolitik reagieren. Außerdem kündigt sie für den 19. Juni einen generationenübergreifenden Einsamkeits-Fachtag an.

Jens-Peter Kruse von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisatoren (BAGSO) beleuchtete die vielen Facetten von Diskriminierung. Das Thema sei stark fokussiert auf die Diskriminierung von Minderheiten (z. B. Behinderung, ethnische Herkunft, Religion, Geschlecht, sexuelle Orientierung). Es gebe durchaus eine große Sensibilität für Diskriminierung, sagte er, „aber die Diskriminierung aufgrund des Alters ist noch nicht ausreichend im Fokus.“ Auch gehe es nicht nur um die gesellschaftliche Ausgrenzung des Alters, sondern auch um die Selbstausgrenzung. Er forderte ein ausdrückliches Diskriminierungsverbot für alle Lebensalter und verwies auf Artikel 1 des Grundgesetzes: „Wer den Alten nichts mehr zutraut, wer sie ausgrenzt, verletzt ihre Würde!“

„Ageismus und Antidiskriminierung – aktuelle Herausforderungen in M-V“ lautete das Thema von Leyla Rauch und Maria Garcia Rojo. „Ageismus ist die am meisten normalisierte Diskriminierungsform“, betonten die Referentinnen vom Antidiskriminierungsverband MV e. V. Altersdiskriminierung betreffe Frauen stärker als Männer, zudem verstärke die Überschneidung mehrerer Diskriminierungsmerkmale (Intersektionalität) die Diskriminierung. Das Bewusstsein für Diskriminierung müsse gestärkt werden. So hätten laut einer Befragung von Personen, die real von Diskriminierung betroffen sind, nur sieben Prozent eine Beratung aufgesucht! Als große Herausforderung nannten Rauch und Roja die Verankerung struktureller und institutioneller Diskriminierung. Ihre zentralen Handlungsempfehlungen: Ageismus immer mitdenken, Sensibilisierung für das Thema und stärkere Vernetzung aller Akteure.

Großen Zuspruch erfuhr die noch aktivere Einbeziehung der Teilnehmenden. In einer offenen Podiumsdiskussion, moderiert von der Journalistin Dörte Graner, debattierten Beate Berger (Sozialministerium), Brigitte Seifert (Präsidentin des Altenparlaments M-V, stv. Vorsitzende des Landesseniorenbeirates M-V und Leiterin de EFI-Agentur UER/MSE) und Thomas Böhm (Schwerin TV) das Thema „Grau ist keine Farbe – Altersbilder neu denken“. 

Zudem beteiligten sich die seniorTrainerinnen und -Trainer mit ihren Smartphones begeistert an dem Format „Blitzlichter der Teilnehmenden“: Über eine online-Plattform konnten sie sich zu folgenden Fragen positionieren: Welche Altersbilder trage ich selbst in mir? und Welche Altersdiskriminierung erlebe ich in alltäglichen Situationen? Die eingegebenen Antworten wurden sofort als Säulendiagramme für alle Beteiligten angezeigt. Organisiert und moderiert hat dieses digitale Beteiligungsformat Anke Doll, seniorTrainerin bei der Agentur Rostock.

„Auf uns kommt es an“, lautete das Tagungsfazit von Monika Schmidt. „Denken wir Altersbilder neu, stoppen wir Diskriminierung – und fangen wir heute damit an!“

Von admin

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